Die Zauberflöte, Traum und Wirklichkeit in der Orangerie

Als ob es gestern war, als ich den Papageno auf der Bühne des Stadttheaters Würzburg sang… Dabei sind es schon 40 Jahre her…

Der Sänger war damals nicht zufrieden mit seinem Schicksal, wollte mehr erreichen, für sich und für seine Kollegen. Nun hat er die Gelegenheit als eigener Herr im Hause, die Zauberflöte zu gestalten und darf sogar die Regie führen. Schwierige Aufgabe, denn die Orangerie in der Würzburger Residenz hat keine Versenkungen, keinen Schnürboden, man kann den Raum nicht voll verdunkeln, eine zarte Beleuchtung steht lediglich zur Verfügung.

Das darf keinesfalls zum stolpern führen. Die intime Atmosphäre dürfte sogar zahlreiche Vorteile für ein Märchen wie die Zauberflöte bieten und diese wollen wir ja ausschöpfen. Es geht vor allem nach meinem nicht zu brechendem Prinzip: Keine Modernisierungen! Was man sieht, soll aus der Musik entstehen. Wir haben hervorragende Stimmen engagiert, auch das Würzburger Kammerorchester und sein Leiter Wolfgang Kurz haben im letzten Sommer eine hervorragende Leistung abgeliefert und stehen wieder zur Verfügung. Also, wir bauen auf der Gemütlichkeit eines spätbarocken Bühnenbildes, auf schönen Kostümen, auf eine hoffentlich gelungener Personenführung und sagen laut: Prima la Musica!

Einiges werden Sie bei unserer Zauberflöte vermissen. Zum Beispiel die drei Knaben. Nein, wir haben die Partien nicht gestrichen, wie hätten wir es auch wagen können! Ich habe lediglich in den Gedanken und Vorhaben der ehemaligen Schöpfer, Emanuel Schikaneder und Wolfgang Amadeus Mozart zu lesen versucht und habe mich in ihrer mißlichen finanziellen Lage versetzt. Das war nicht schwer, denn auch wir wühlen nicht im Golde. Schikaneder wollte eine Zauberflöte mit vielen Maschinen, Tricks und Kuddelmuddel. Aber Geld hatten sie keines, die beiden Träumer. Ach, wie gut ich sie verstehe… Auch wir haben keines, wie sollen wir dann das lösen?

Nun, stellen Sie sich vor, diese Sparsituation breitet sich auch in der Welt des Sonnenkreises von Sarastro aus und vor allem im geschlagenen Lager der Königin der Nacht. Sarastros Priester sind geschrumpft, sie sind nur acht geblieben. Auch die Sklaven sind nicht gerade so zahlreich und wer soll ja die Güter beschaffen dann, die Götter etwa? Und wenn der jemals allmächtige Sarastro sparen muß, was bleibt dann der Königin der Nacht übrig? Sie träumt, sie bastelt, sie wagt, aber alles, was sie unternimmt ist im Keime bereits dem Mißlingen geweiht. Sie verspricht Tamino und Papageno „… drei holde Knaben…“ als Wegweiser zu schicken. Sie hat aber keine Knaben zur Verfügung und läßt ihre bis auf Äußerste angespannte drei Damen, auch diese Rollen spielen. Die armen, sie müssen sich ständig umziehen und hüpfen von links nach rechts, um die Fehler ihrer Herrin auszubaden…

So hätte auch die Zauberflöte bei Schikaneder und Mozart aussehen können, wenn sie nicht im letzten Moment eine würdigere Finanzierung gefunden hätten. Aber an so eine ähnliche Lösung wie unsere haben sie auf jeden Fall gedacht… Und wir wollen Ihnen eine Zauberflöte wie zu Schikaneders Zeiten bieten…

Versuchen wir doch diese Entstehungsgeschichte mit Wort, Bild und, wenn Sie unser Radio Opera einschalten, auch mit Ton, zu verfolgen… Übrigens, die Aufnahme unserer Zauberflöte in der Orangerie ist auf CD erschienen. Eine Rarität…

Sechsundsechzig Tage vor Mozarts Tod am 5. Dezember 1791 erklang im „K.K. privilegierten Wiedner Theater“ in Wien zum ersten Male Die Zauberflöte. Mit ihr schließt sich in unbegreiflicher Herrlichkeit der Kreis seiner Werke für die Musikbühne. 23 Jahre früher eröffnet ihn das schlichte deutsche Singspiel Bastien und Bastienne mit welchem auch wir den ersten Mozartsommer in der Orangerie einweihten.  Erst im Mozarts letztem Lebensjahr erwächst in der Zauberflöte „die ewige Kron“ seines musikdramatischen Schaffens.

Die opera buffa, aus Mozarts Feder zu einer genialen Synthese fremdländischer und eigener Stilelemente erblüht, ist überwunden. Nicht der Hofdichter Lorenzo Da Ponte ist nun am Werk, ein deutscher Name erscheint: Johan Joseph Schikaneder. Erst später wird er sich Emanuel nennen. Während eines größten Teils des 18. Jahrhunderts war er Prinzipal reisender Theatertruppen um der Pflege der deutschen Schauspielkunst zu dienen und wurde später seßhaften Theaterdirektor in Wien. Keiner ist Prophet im eigenen Lande, oft ist man gezwungen, seine Lorbeeren in „…fernem Land…“ zu pflücken um endlich von den eigenen Leuten verstanden und anerkannt zu werden. Ist dies auch bei uns nicht der Fall, nach 25 Jahren Reisen durch ganz Europa? Verstehen uns jetzt die Leute mehr?…

Der Schikaneder…   Es ist eine der seltsamsten und bemerkenswertesten Erscheinungen der deutschen Theatergeschichte. Bedeutende schauspielerische Fähigkeit und Kraft, ungemein fruchtbare schriftstellerische Begabung, geschäftlicher Wagemut, Organisationstalent und nie ermüdende Vitalität sichern ihm während seiner Wanderjahre und nicht minder seiner Tätigkeit an Wiener Bühnen immer wieder aufsehenerregende Erfolge. Selbst wenn ihm kein anderes Verdienst zu Eigen wäre, als Mozart zur Zauberflöte angeregt zu haben, dürfte ihm ein ehrenvoller Platz in der Geschichte des deutschen Theaters sicher sein.

Mozart und Schikaneder lernten sich im Winter 1780/81 in Salzburg kennen, wo letzterer mehrere Monate lang mit seiner Truppe gastierte. Schon damals scheint sich eine Zusammenarbeit angebahnt zu haben. Es ist nachgewiesen, daß Mozart aus München die Komposition einer Arie an Schikaneder gesendet hat. Die Wege der beiden Männer trennten sich wieder. Es ist nicht bekannt, wann sie sich in Wien, wohin Schikaneder 1787 durch Kaiser Joseph II. berufen wurde und wo er 1789 die Direktion des Theaters der Wieden übernahm, wieder begegnet sind.

Daß Schikaneder in großer finanzieller Bedrängnis, Mozart gebeten, ja genötigt habe, eine wirkungsvolle Zauberoper zu schreiben, mit der er die augenblicklichen Schwierigkeiten zu überwinden hoffte, ist nur ein kleiner Teil jener sentimentalen Legendenbildung. Auch die neueste Mozartforschung bewegt sich diesbezüglich noch immer in Widersprüchen. Lange Zeit hat man angenommen, daß Schikaneder als bestimmte Stoffquelle das Märchen Lulu oder die Zauberflöte aus Chr. M. Wielands Dschinnistan benutzt hat, dem er ohne Zweifel auch den Text seiner Dichtung entnahm. Dieser Ansicht schließt sich einer der führenden Mozartforscher, Alfred Einstein an. Es gibt aber auch andere Meinungen, so z.B., daß dasselbe Märchen benutze die Oper Kaspar der Fagottist von Joachim Perinet, Musik von Wenzel Müller, die der große Konkurrent Schikaneders um die Gunst des Wiener Publikums, Karl von Marinelli, am 8. Juli 1791, im Theater in der Leopoldstadt erstmals aufführte. Dadurch seien Mozart und Schikaneder gezwungen gewesen, das dramaturgische Konzept der damals angeblich bis zum 1. Finale geschriebenen Zauberflöte Hals über Kopf umzugestalten, ja ins Gegenteil zu verkehren, wodurch ein „unheilbarer Bruch“ in der Handlung entstanden sei. Mozart schreibt nach dem Besuch beim Kasperl an Konstanze: „… Ich ging dann, um mich aufzuheitern, in die neue Oper Der Fagottist, die so viel Lärm macht, aber gar nichts daran ist…“ (Brief vom 11. Juni 1791). Es ist aber durchaus anzunehmen, daß Schikaneder im Laufe der Arbeit zu einer größeren und ideenmäßig anspruchsvolleren Konzeption gelangt ist, als er sie ursprünglich beabsichtigt hatte. Egon Komorzynski behauptet sogar, der

„… Umschwung in der Arbeit ist von Anfang an geplant gewesen…“, so daß der angebliche „Bruch“ als tatsächlicher, dramaturgisch motivierter Umschwung eines der bemerkenswertesten Gestaltungsmittel Schikaneders in der Zauberflöte wäre. Mit besonderem Nachdruck weist derselbe Forscher auf das Schauspiel Thamos, König von Ägypten von Tobias Philipp Freiherrn von Gebler hin, zu dem Mozart 1773 und 1779 Chöre und Instrumentalsätze schuf. In Betracht auf der Suche nach den echten Spuren sollte man auch das Werk des Abbé Jean Terasson nehmen: Sethos, histoire ou vie tirée des monuments anecdotes de l’ancienne Egypte, traduit d’un manuscrit grec, Paris 1731. Vorgebildet ist in diese Dichtung die Gestalt des Sarastro in dem König Sethos, der als Oberster einer weisen Priesterschaft im Sonnentempel zu Heliopolis lebt. Das ägyptische Milieu, der Bund der Eingeweihten, das Ritual der Aufnahme in den Bund, unter anderem die Verschwiegenheitspflicht und die Feuer- und Wasserprobe finden sich ebenfalls im Sethosroman und der Einfluß auf den zweiten Akt der Zauberflöte ist offenbar. Otto Jahn, der führende Mozartforscher des 19. Jahrhunderts, hat die seltsame und darum um so hartnäckiger sich haltende Hypothese aufgestellt, das Textbuch der Zauberflöte stamme gar nicht von Schikaneder, sondern von einem Mitglied seines Theaters, Karl Ludwig Gieseke. Die spätere Schikanederforschung hat diese unbegründete Annahme entkräftet.

Am 30. September 1791 fand die erste Aufführung statt. Der Theaterzettel nennt im Titel nur Schikaneder als Autor. Eine Fußnote besagt, daß „… der Kapellmeister und wirkliche K .K. Kammerkompositeur Herr Mozart aus Hochachtung für ein gnädiges und verehrungswürdiges Publikum und aus Freundschaft gegen den Verfasser des Stücks das Orchester heute selbst dirigieren werde…“

Der Erfolg am Premierenabend noch nicht völlig entscheidend, war bald so eindeutig, daß schon im Oktober 1791 24 Vorstellungen der Zauberflöte stattfanden. Am 3. November 1792 war die 100., am 22. Oktober 1795 die 200. Aufführung. Von Wien aus fand die Zauberflöte eine rasche Verbreitung. Als erste Bühne brachte das mozarttreue Prag das Werk am 25. Oktober 1792, dann folgten Frankfurt (16. April 1793) und Weimar (16. Januar 1794 in Goethes Inszenierung), im selben Jahr noch Berlin, Hamburg, Stuttgart und Dresden. Zurückhaltend verhält sich das Ausland. Verständlich, wegen der meist miserablen Übersetzungen des Textes… 1801 erscheint auf der Pariser Opernbühne eine groteske dramaturgisch-musikalische Verbalhornung der Zauberflöte (die Originalgestalt erst am 21. August 1865!). London spielt das Werk zum erstenmal 1811, Mailand 1816, Amsterdam 1817, Sankt Petersburg 1818, Philadelphia 1832, New York 1833.

Dr. Blagoy Apostolov